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Das große Tor von Kiew

Sonntag, 10. Juli 2022 | 17:00 Uhr | Ilmenau (St. Jakobus)

Paolo Oreni (Milano, IT) – Orgel

Ausschnitte aus „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky, Werke von C. Franck, Ch. M. Widor und  Improvisationen

Eintritt: 10,- €

Paolo Oreni – Foto: Olaf D. Hennig

Die Süddeutsche Zeitung beschrieb Paolo Oreni so: “Ein junger italienischer Künstler, hoch begabt, ein wirkliches Wunder der Technik mit unerreichter Präzession. Große Erwartungen sind in ihm vorbestimmt”.

In Treviglio 1979 geboren, startete Paolo Oreni seine musikalische Orgelausbildung mit nur 11 Jahren bei Walter Zaramella am Gaetano Donizetti Musical Institute. 2000 ermöglichte ihm das Kulturministerium Luxemburg durch ein Stipendium einen Wechsel nach Luxembourg. Hier errang er 2002 den “Prix Interrégional-Diplôme de Concert”. Weitere Preise und Auszeichnungen folgten.

Weiterführenden Studien führten Oreni zu nennenswerten Musikern wie Jean-Paul Imbert und Lydia Baldecchi Arcuri. Die Begegnung mit Jean Guillou während mehrerer Meisterkurse in St. Eustache Paris und in der Tonhalle Zürich prägten ihn entscheidend.

Oreni gibt jährlich ca. 100 Konzerte, viele davon als Solist mit bedeutenden  Orchestern in Italien (u.a. an der Mailänder Scala), der Schweiz, Frankreich, England, Schweden, Finnland, Spanien, Dänemark, den Niederlanden, Deutschland, Luxemburg, Polen, Albanien und Israel.

Seit 2006 ist er im Auftrag der Diozöse München als Meisterklassen-Dozent für Improvisation und Orgelrepertoire von Bach bis zu moderner Musik in der Basilika Ottobeuren und dem Altenberger Dom tätig.

Walcker-Orgel Ilmenau, Foto: C. Daether

Die Walcker-Orgel der Ilmenauer St. Jakobuskirche

Die 1911 von der Firma E. F. Walcker & Cie. erbaute Orgel der Ilmenauer St. Jakobuskirche gehört sicher zu den bedeutenden Instrumenten im mitteldeutschen Raum. Schon ihre Größe ist beeindruckend: Auf 3 Manuale und Pedal verteilen sich 65 Register. 5 der Pedalregister sind Transmissionen aus Schwell- und Hauptwerk, beim Register „Glockenspiel“ wird ein Metallophon angeschlagen. Der Stimmton liegt mit a’ = 435 Hz deutlich unter der heute üblichen Norm. Die Orgel hat die von Walcker entwickelte Hängebalglade. Die Traktur ist elektropneumatisch. Obwohl später viel geschmäht, ist diese Trakturform zum Zeitpunkt des Orgelbaus eine brandneue und moderne Technik (wäre doch, abgesehen von den orgelbaulichen Konventionen der Zeit, ein Werk mit dieser grundstimmenlastigen Disposition bei rein mechanischer Traktur auch wohl fast nicht spielbar).

Das Besondere neben der Größe und der hohen handwerklich-künstlerische Qualität, ist das Klangkonzept des Instrumentes und dessen konkrete Verwirklichung. Nicht nur der breit ausgebaute Grundstimmenbereich, der ja bei Instrumenten um 1900 zum Standart gehört, sondern dessen Koppelung mit klassischen Stilelementen ist faszinierend und überzeugend. In jedem der 4 Werke gibt es einen voll ausgebauten Prinzipalchor. Sowohl Prinzipale als auch weit mensurierte Register, als auch Streicher, als auch Zungenstimmen können, oft als Gruppen, werkweise gegenübergestellt werden. Die Dynamik reicht von den leisesten Tönen der Äoline im geschlossenen Schwellwerk bis zum gewaltigen vollen Werk mit Super- und Suboktavkoppeln.

Erhellend für die dem Instrumentenbau zugrundeliegende Ästhetik ist die ausdrückliche Erwähnung von Johann Sebastian Bach, Gottfried Silbermann und Max Reger in der Festschrift zur Orgelweihe von 1911.

Weiterhin klangprägend, dem zur Zeit des Orgelbaus herrschenden wilhelminischen Ungeist zuwider, ist der gewichtige Einfluss der elsässisch-neudeutschen Orgelreform, auf die der damalige Firmenchef Dr. Oscar Walcker sich einließ: Besonders der Straßburger Organist Émile Rupp aber auch der wohl eher als Arzt, Philosoph und Theologe bekannte Albert Schweitzer entwickelten Ideen, unter anderem die einer französisch-deutscher Orgelsynthese, die in der Jakobuskirche sofort auf- und ohrenfällig werden. Mit Émile Rupp hatte der Initiator des Ilmenauer Orgelbaus, der Organist Edwin Schmuck, regen Kontakt in der Phase der Orgelplanung.

 Verdeutlichend erwähnt seien der zungendominierte Schwellwerksklang oder die von den französischen Appels inspirierten Einführungstritte. Schon die Nomenklatur verdeutlicht dies Phänomen: Das französische „Basson“ (Nr.65) klingt genau wie die „Trompête harmonique“ (Nr. 66) einträchtig mit der deutschen „Oboe“ (Nr. 76) oder dem „Lieblich Gedackt“ (Nr. 55) zusammen. Die Orgel wird dabei keineswegs zum musikalischen Bastard, der im Bestreben die verschiedensten Einflüsse zu vereinen, nur immer stromlinienförmig und glatt wirkt. Bei allen Verschmelzungskräften hat das Instrument doch ein unverwechselbares eigenes Gesicht, eine eigene Klangpersönlichkeit.

Nicht zuletzt zu danken ist der momentan zu hörende eigenständige Klangcharakter der Orgel der meisterlichen 1993 abgeschlossenen Renovierung durch die Orgelwerkstatt Christian Scheffler/Sieversdorf. Ausdrücklich erwähnt seien hier die Intonateure Matthias Ullmann und Tino Herrig.

Die üppige sinfonische Anlage, die Fähigkeit zum Kammermusikalischen, Farbigkeit, Klassizität, Adel von Einzelstimmen und Aliquoten, Wucht und Durchhörbarkeit im Pleno, Zartheit und Präsenz, dynamische Flexibilität, Deutlichkeit, Sinnlichkeit der Streicher, mancher Flöten- und Zungenstimmen, eine schier unendliche Zahl von Kombinationsmöglichkeiten der Register (man könnte diese Liste problemlos weiter fortsetzen) – all dies macht die Orgel der Ilmenauer St. Jakobuskirche zu einem Instrument, das sie für die Darstellung der allermeisten Orgelmusik ab Bach ganz ausgesprochen erfreulich macht. Für die Kompositionen Regers und einen Großteil der Musik des späten neunzehnten und des zwanzigsten Jahrhunderts (wenn die Musik nicht gerade die Schleiflade oder konzeptionelle Ideen der 2. Orgelbewegung erheischt) dürfte die Walcker-Orgel der Ilmenauer St. Jakobuskirche ein ideales Klangmedium sein.

Bilder einer Ausstellung